68 und das Ende der Malerei


 

Dass unser Land der „68er Bewegung“ viel verdankt und eine segensreiche Zäsur in der Geschichte darstellt,  ist ja weitgehend anerkannt und gehört zum allgemeinen Selbstverständnis.  Aber jeder wird zögern, Ähnliches für die Geschichte der bildenden Kunst und der Literatur zu behaupten. Weder wurde der „große 68er Roman“ geschrieben. Noch steht „68“ für einen besonderen Trend oder Zäsur oder Schule in der Kunstgeschichte.  „68“ hieß ja die radikale Infrage Stellung der Künste bis hin zur Verachtung der künstlerischen Sphäre. Aber dieser Bruch führte kaum zur Freisetzung neuer ästhetischer Energien.

 

Diese Beobachtung ist nicht neu, aber keineswegs so selbstverständlich. Denn all das, was Kunst ausmacht, schien mit der 68er Bewegung zur Erfahrung einer Epoche zu werden. „68“¸ das hieß doch Emanzipation,  Freisetzung individueller Potentiale, Rebellion gegen das Hergebrachte, neue Erfahrungen, neue Medien, entfesselte Kreativität, hieß Aufbruch zu neuen Ufern, in die Welt der Träume, hieß Utopie jetzt. Wer von meinen Freunden, Bekannten, Genossen von damals künstlerische Neigungen hatte, haben sie meistens aufgegeben, als „68“ kam. Mich eingeschlossen.

 

Ich hatte Talent, das wurde mir schon in den ersten Schuljahren in der Grundschule in Olbernhau, einer Kleinstadt im Erzgebirge vermittelt. Talent war etwas Heikles, das ich irgendwie schützen muss – dieses Gefühl hatte ich von Anfang an. Meine Eltern erschraken bei meinen ersten künstlerischen Versuchen, wollten mich gewissermaßen vor dem Talent schützen und betonten: Das sei doch „später einmal ein schönes Hobby.“ Dieses „Später“ missfiel mir sehr. Auch die Schule „entdeckte“ mich und ich wurde feierlich zum Gestalter der „roten Ecke“ im Klassenraum ernannt. Mir war bekannt, dass es so etwas gibt, wie sozialistischen Realismus, z.B. Vater Stalin in wogenden Kornfeldern vor einer Kette riesiger Strommasten. Ich zog mich auf Landschaftsmalerei in der Art des 19.Jahrhundert zurück. Die Leipziger Schule lernte ich erst sehr viel später im Westen kennen. Einmal lud mich mein Kunstlehrer zum Tee ein und zeigte mir, was Picasso außer Friedenstauben sonst noch gemalt hat. Wir waren entsetzt und mir war klar, dass ich darüber nicht reden durfte.

 

1955 siedelten wir über in den Westen. Ich zeigte meiner Kunstlehrerin am Gymnasium, was ich so malte. Sie murmelte immer wieder „sehr schön“, sagte“ Du kannst ja was“. Und dann erklärte sie: „Also, ab morgen malst Du abstrakt.“ Ich sagte gehorsam:“Ja“. Und rannte in die Bibliothek, um zu erforschen, was mit „abstrakt“ gemeint sein könnte. Dass ich nach dem Abitur an die Kunstakademie gehen könnte, stand nie zur Debatte. Meinen Eltern sahen mich ohnehin ungern studieren. Sie fanden die „gehobene mittlere Beamtenlaufbahn“ als den besten Weg in die Sicherheit. Der Kompromiss war das Studium für ein Lehramt. Und ich malte und zwar mit zunehmender Intensität. Es war eine Malerei im Widerstreit, zwischen dem ästhetischen Impuls und der Suche einer Logik der Abstraktion. Denn das Ringen um die Abstraktion war ja so wichtig wie das Bekenntnis zur freiheitlichen Grundordnung. Irgendwie war mein Malen eine nachholende Aneignung der Moderne. Jahrzehnte später, als ich mich wieder mit meinen Arbeiten beschäftigte, stellte ich fest, dass sie ziemlich umfangreich waren und eine Entwicklung zeigten. Wenn es ein Ideal gab, dann Landschaften im Stile von Max Ernst. Ich hatte eine Neigung zu einer Art stillen Surrealismus- Ein Widerspruch, natürlich. Es war eine private Sache, bewusst jenseits der Konkurrenz auf dem Kunstwerk. Aber die Ambition zielte auf einen Plan B für mein Leben.

 

1963 wechselte ich zur FU in Berlin und 1964, mit dem Argumentclub und dem Eintritt in den SDS, beteiligte ich mich an politischen Aktionen im Vorfeld der „68“er Bewegung, die in Berlin 1967 begann. Die Malerei war buchstäblich vergessen, gestrichen. Bis 1973 gibt es nichts, nicht einmal Skizzen. Es war, als hätte ich eine Haut abgestreift. Warum? Nun, ich glaube, es hat etwas mit den hohen Ansprüchen zu tun. Es ging ja um nichts weniger, als um die Identität von radikaler Emanzipation und Revolution. Wir standen  im Bann des Gefühls einer welthistorischen Stunde, die wir durch unsere Selbstbefreiung erreichen können. Auch galt es, den geschichtlichen Augenblick zu nutzen,  alle Kräfte zu fokussieren. Wenn es hieß, Revolution ist möglich, dann war das Programm – Studium für einen Beruf (welcher eigentlich?) und meine Kunstübungen als zweite Option – eine schizoide Veranstaltung und mithin typisch für das bürgerliche Bewusstsein, das überwunden werden musste. Als mit dem Zusammenbruch der antiautoritären Rebellion die Bewegung sich spaltete,  warteten die ml-Sekten oder der Untergrund auf die Verstörten und saugten dann alle verbliebenen  Ressourcen an Bürgerlichkeit aus ihren Mitgliedern.

 

Warum fing ich wieder an? Es gab einen Impuls: die Buntstiftzeichnungen von Hockney. Ein Bündel Porree. Was war das? Das unkünstlerische Material, das banale Sujet, gewissermaßen das Alltägliche als Ort der Kunst und auch: die in dieser Banalität versteckte Reflexion über Kunst, über die Frage, was ist ein Bild. Das war merkwürdigerweise eine große Ermutigung. Ich begann mit Buntstiften, dann das Aquarell und schließlich Öl und Leinwand. In den folgenden Jahren arbeitete ich in der Reformpsychiatrie in Triest und dann als Redakteur in der taz und der ZEIT. Die Zeit zum Malen war immer knapp, manchmal war es nur Ferienmalerei, manchmal machte ich Malreisen. An die Vor-68er-Zeit konnte ich nicht mehr anknüpfen.  68 hatte da Etwas ausgelöscht. Inzwischen gab es auch neue Vorbilder von Hopper bis Gerhard Richter. Das Problem der Abstraktion hatte sich erledigt. Mit meinen figurativen Übungen suchte ich mehr nach dem Malerischen im Bild. Je mehr ich malte, desto mehr wuchs die Masse der noch nicht gemalten Bilder und übte Druck aus. So war es denn selbstverständlich, dass mit dem Ende der Journalistik ich ein Atelier mietete und endlich begann, die Bilder aus dem Kopf auf die Leinwand zu bringen. Diese Phase geht dem Ende entgegen. Und wieder stellt sich die Frage, wohin ich mit meiner Malerei will.